Anzeigetafel fight for your digital rights

Nieder mit dem „Nichts-zu-verbergen“-Argument!

Wenn es um flächendeckende Überwachungen oder Lauschattacken sog. Smart Home Devices geht, wird es immer wieder angeführt: Das „Ich habe nichts zu verbergen“-Argument. Doch dieser Aberglaube kann schnell gefährlich werden – für jeden.

2019-12-19

Logo

Sie kennen das bestimmt. Es ist ein Totschlag-Argument, dass so ziemlich in jeder Diskussion über digitale Rechte und in jedem Streitgespräch über Massenüberwachung früher oder später aus einer beliebigen Ecke geflogen kommt: „Sie können mich schon überwachen, ich habe eh nichts zu verbergen“. Dieser Satz ist so unreflektiert, wie er hartnäckig ist. Da er seit Jahren so kontinuierlich durchs Netz und durch Wohnzimmer schwirrt, hat dieses Argument sogar schon einen Eintrag in der größten Online-Enzyklopädie erhalten. Doch bei all dieser Popularität vergessen viele, dass die unreflektierte Benutzung dieses Irrglaubens sich schnell gegen die Vertreter selbst richten kann. Es ist Zeit, darüber aufzuklären.

 

„Einige sagen vielleicht: "Es ist mir egal, ob sie meine Privatsphäre verletzen; ich habe nichts zu verbergen." Wir müssen solchen Menschen helfen, dass sie verstehen, dass sie den grundlegenden Charakter der Menschenrechte falsch verstehen. Niemand muss sich rechtfertigen, warum er ein Recht "braucht": Die Rechtfertigungslast liegt bei dem, der versucht, das Recht zu verletzen. […] Zu argumentieren, dass sich Menschen nicht um das Recht auf Privatsphäre kümmern, weil Sie nichts zu verbergen haben, ist nicht anders als zu sagen, dass Sie sich nicht um die freie Meinungsäußerung kümmern, weil Sie nichts zu sagen haben. Eine freie Presse hat mehr Vorteile als nur diejenigen, die die Zeitung lesen.“
Zit. Von Edward Snowden

 

 

Der gläserne Mensch?

Werfen wir einen Blick in unser zu Hause: Wir machen uns hier freiwillig gläsern, indem wir uns Smart Watches, Fitnessarmbänder oder andere Wearables an das Handgelenk binden, die unsere Körperfunktionen ebenso gut kennen wie unser Smart Speaker unser intimes Privatleben. Die Aushöhlung und Aufzeichnung der Privatsphäre erfolgen hier ganz heimlich und unwissentlich, denn wer im Hintergrund die aufgezeichneten Daten an welchen Konzern weiterverkauft, läuft unbemerkt. Wird uns der Mund verboten und uns somit das Recht zur freien Meinungsäußerung genommen, ist das ein schmerzlicher Einschnitt, gegen den viele aufbegehren. Wird aber im digitalen Hinterzimmer heimlich ein Profil über unsere Vorlieben, unser Sexualleben, unser Bewegungsprofil, Meinungen, politische Positionen und Gefühle erstellt, geschieht das im Stillen und nicht selten gesetzeswidrig.

Im Übrigen sind gerade bei vielen Smart-Speakern wie bei Alexa im Hintergrund noch immer Menschen am Werk, die Gespräche auswerten, z.B. um zu überprüfen, ob die Künstliche Intelligenz des Smart Speakers alle Befehle richtig ausgewertet hat. Aber stellen Sie sich vor, diese Person wertet auch intime oder brisante Gespräche aus, die unerlaubter Weise mitgeschnitten wurden – eine Sicherheit, dass Ihre Daten anonym sind und / oder diese überprüfende Person Ihnen wohlgesonnen ist, gibt es nicht. Von einem möglichen Identitätsdiebstahl bis hin zur Erpressung aufgrund der Kenntnisse intimer Details sind viele Szenarien vorstellbar. Schön ist keines davon.


Sind Sie der Ansicht, dass Sie auch hier immer noch nichts zu verbergen haben, dann spinnen Sie den Faden weiter: Würden Sie ihrem Nachbarn erzählen, wann und wie Sie Ihren sexuellen Fetisch ausleben, wie Ihre PIN zur Kreditkarte lautet und ihm im Abgang noch Ihr entsperrtes Handy reichen, damit er sich durch Ihre Chatverläufe lesen kann? Vermutlich nicht, und das ist gut so. Anscheinend nur, weil hier die Überwachung nicht heimlich geschieht, ruft sie ein ungutes Gefühl herauf – ein Fehler. Dass auch vermeintlich unwichtige Daten online kostbares Gut sind, ist das eine – aber wenn Sie demnächst keinen Kredit genehmigt bekommen, weil Sie laut Datenauswertung in einem instabilen Umfeld wohnen oder Ihre Krankenkasse künftig teurer wird, weil Ihre Gesundheitsdaten Ihnen mangelnde Bewegung bescheinigen, das andere. Ein System, dass alles über seine Mitglieder weiß, ist ein totalitäres und macht den Einzelnen erpressbar. Und das kann für den einzelnen nicht nur ärgerlich und teuer, sondern auch schnell gefährlich werden, ob schuldig oder nicht.

 

Alle, nur nicht ich? Irrtum.

Leute, die diese „Ich habe nichts zu verbergen“-Phrase nicht nur als leere Hülle sehen, sondern vollkommen hinter dieser Aussage stehen, gehen oftmals davon aus, dass beispielsweise die massenhafte öffentliche Überwachung vor allem auf verdächtige Individuen gerichtet ist, aber nicht auf sie selbst. Hier offenbart sich gleich zu Beginn ein Fehler: Öffentliche Überwachung zielt, wie ihr Name bereits vermuten lässt, auf die Öffentlichkeit ab. Also auf alle, nicht nur auf die gesuchten Bösen. Und gerade der Bereich der öffentlichen Überwachung, zum Beispiel mittels Gesichtserkennung, ist vergleichsweise noch so jung, dass die Algorithmen der automatischen Gesichtserkennen oftmals noch an Kinderkrankheiten leiden. So zeigt ein aktuelles Beispiel aus London, dass die dort durchgeführte Gesichtserkennung eine verheerende Trefferquote hat: Die nachweisbare Erkennungsrate liegt bei lediglich 19%. Es wurden also tausende Menschen überwacht und digital analysiert, um acht vermeintliche Treffer zu landen.

Noch schlimmer wird es, wenn eine solch fehlerhafte Gesichtserkennung eingeführt wird, um etwa protestierende Menschen pauschal zu identifizieren, wie das gerade per Drohne oder Helikopter bei großen Protestveranstaltungen in Kolumbien passiert. Stellen Sie sich vor, Sie werden aufgrund des fehleranfälligen Algorithmus aus Versehen identifiziert, wie Sie angeblich gegen die neoliberale Reformliste des rechtskonservativen Präsidenten Ivan Duque protestieren – auch, wenn Sie gar nicht dort waren, der Algorithmus Sie aber fälschlicher Weise erkennt – schon sind Sie auf der Liste der Demonstranten. Ob und welche Auswirkungen das im Weiteren haben wird, wird sich zeigen. Das ist nicht nur ein haarsträubender Gedanke, darüber hinaus ist das auch ein klarer Angriff auf die Meinungs- und Versammlungsfreiheit, das Recht auf Privatsphäre und die Unschuldsvermutung.

Die so gesammelten Daten, die jetzt noch unwichtig und unbrauchbar erscheinen, können dann auch schneller wichtig werden, als man glaubt. Etwa, wenn sich ein politisches System ändert. Dann können aufgezeichnete Daten rasch gegen einzelne Individuen verwendet werden. Blöd nur, wenn der Algorithmus einen versehentlich zum Verdächtigen macht. Oder aber, wenn ein Regime etwa Zugriff auf Kreditkartendaten hat und man dem Regime zu liberale Literatur gekauft hat. Nicht mehr in dieses Land einreisen zu dürfen, wäre noch das wünschenswerteste Szenario aus allem vorstellbaren.

 

Laut Algorithmus verdächtig

Mit Gesichtsüberwachungen in Deutschland sieht es übrigens nicht besser aus. Der jahrelange Test am Berliner Südkreuz hat offenbart, dass durch die Fehlerquote der eingesetzten Gesichtserkennung beim durchschnittlichen Reiseaufkommen der Deutschen Bahn in Deutschland pro Tag über 12.500 Menschen fälschlicher Weise als verdächtig eingestuft werden. Und auch wenn Sie nach wie vor behaupten, nichts verbergen zu haben, der Algorithmus aber einen weiteren Fehler macht und gerade Sie als verdächtig einstuft, wird Ihnen das, was Sie vorher noch achselzuckend gebilligt haben, zum Verhängnis. Abgesehen davon wird es ein kaum zu bewältigendem Aufwand für Ordnungskräfte und Polizisten werden, jeden Einzelnen dieser laut Algorithmus verdächtigen Personen zu überprüfen. Gar zu schweigen von dem Chaos, das durch die massenhaften Kontrollen entstehen würde, den Verspätungen, verpassten Terminen und vielen anderen Unannehmlichkeiten – wie finanzielle, persönliche oder das angekratzte Ansehen.

In China wird Gesichtserkennung im Übrigen auch dazu eingesetzt, um ungeliebte Minderheiten zu identifizieren und Bewegungsprofile von diesen Menschen zu erstellen. Sie haben also nichts zu verbergen, sind aber ein Uigure in China? Auch dann geht dieses Argument für Sie nicht auf. Ebenso wenig, wenn Sie nur vermeintlich Uigurische Merkmale haben, die ausreichen, um den von Hikvision, dem weltgrößten Hersteller von Überwachungskameras, verwendeten Algorithmus auszulösen, der ethische Minderheiten erkennt und identifiziert. Allein der rassistische Gedanke hinter diesem Algorithmus zeigt, dass das, was viele angeblich nicht zu verbergen haben, allzu offensichtlich ist: Ihre Ethnie.

 

Der „Ich habe nichts zu verbergen“-Egoismus

Wenn andere alles über Sie wissen, kommt zudem noch ein weiteres großes Problem hinzu: Die wenigsten von uns leben vollständig isoliert und haben keine sozialen Kontakte. Beharren Sie aber weiter auf dem geliebten „Ich habe nichts zu verbergen“-Argument, vergessen Sie, dass dies eine sehr egoistische Einstellung ist. Liefern Sie Ihre Daten bereitwillig beispielsweise Ihrem Smart-Speaker aus, dann tun Sie das auch mit den Daten Ihrer Freunde. Sie liefern allein im alltäglichen Gespräch viele Informationen über Bekannte und Verwandte, Kollegen und Freunde. Dass diese aber ihre Daten oftmals nicht freiwillig hergeben wollen, vergessen viele. Die Daten dennoch seinem digitalen Doppelgänger Google Home, Alexa oder Siri anzuvertrauen, ist eine genauso egoistische Handlung, wie sich nicht impfen zu lassen: Denn dass diese Handlung Auswirkungen auf andere hat, wird oft einfach vergessen – oder willentlich ignoriert. Und meist trifft es hier die Schwächsten zuerst: Die, die sich nicht schützen können.

So wird der Geist, der stets verneint und meint wirklich nichts zu verbergen zu haben, zwar weiter seinen vorauseilenden Gehorsam zur Schau stellen und sich bestenfalls einer Selbstzensur im Sinne des Systems unterwerfen (Beispiel: Kfz- und Krankenversicherungsbeiträge sollen vom Verhalten abhängig gemacht werden). Aber macht nicht gerade auch ein solches komplett regelkonformes Verhalten verdächtig? Und vielleicht wird gerade deshalb ein fehleranfälliger Algorithmus eines Tages in Ihren Verhaltensmustern wühlen und die kleinste Anomalie, das kleinste potentiell gefährliche Merkmal in Ihrem Verhalten, zum Anlass für einen Verdacht wählen. Die potentiell gefährlichen Merkmale sind dabei aber natürlich weit dehnbar.
Auch, wenn das nun ein bisschen nach einem sich selbstständig gemachten, undurchschaubaren und totalitären System à la Kafka klingt, ist auf den Kern heruntergebrochen doch etwas Wahres daran. Denn ist es nicht ein wunderbares Gefühl, sich frei und unbeobachtet bewegen zu können, ohne Gefahr laufen zu müssen, dass man eventuell überwacht, belauscht oder gefilmt wird? Man muss ja schließlich nicht überwacht werden, wenn man nichts zu verbergen hat. Und nicht jeder, der das Recht auf seine Privatsphäre in Anspruch nimmt, hat etwas zu verstecken.

Autorin: Kathrin Strauß
Artikel veröffentlicht am: 19. Dezember 2019

Leitfaden: Datenschutz im Home- und Mobileoffice

Warum ist Datenschutz gerade beim mobilen Arbeiten von enormer Relevanz?

Home-Office hat seine datenschutzrechtlichen Tücken. In unserem Leitfaden "Datenschutz im Home- und Mobileoffice" finden Sie Hinweise zur Datenverarbeitung im Home-Office unter Berücksichtigung datenschutzrechtlicher Aspekte.

 

Jetzt Leitfaden herunterladen

Datenschutz im Home- und Mobileoffice
Aktuelle Beiträge zum Thema Datenschutz

Wir freuen uns auf Ihre Anfrage!

Telefon:

+49 89 / 250 039 220

Öffnungszeiten:

Mo. - Fr.: 09:00 - 18:00 Uhr